Wort des Vorsitzenden der Ludwig– Hofacker–Vereinigung

Was unsere Kirche reich macht

Dekan Ralf Albrecht, Nagold Ärmlich geht es immer wieder zu. Mehrere Zeugnisse der Armut, mehrere Armutszeugnisse im Blick auf den geistlichen Reichtum konnten wir die letzten Monate beobachten. Um nur eines genauer anzuschauen: In Bad Boll fand von 11. – 13. Juni eine Tagung „Partner für den Frieden“ statt. Es ging um die politische und gesellschaftliche Lage im Nahen Osten.

Was sich zunächst wie eine hilfreiche Initiative für den Frieden anhört, war schlicht und einfach in der Intention eine arme Inszenierung und im Blick auf die auch eingeladenen Parteien ein Skandal. Partner für den Frieden, die Israelis und Palästinenser miteinander im Rahmen der Akademie ins Gespräch bringen sollten, waren nämlich auf israelischer Seite alleine linke Oppositions-Gruppen, während auf der Seite der Palästinenser unter anderem ein Minister der Hamas-Regierung eingeladen war, als Partner für den Frieden wohlgemerkt.

Es wurde sofort in der Öffentlichkeit deutlich, dass dieser Dialog kein Dialog ist, der auch nur in irgendeiner Weise den Frieden im Nahen Osten befördert. Sondern dass diese Veranstaltung letztlich nur eines bezweckte – sicher nicht ausdrücklich gewollt – nämlich eine terroristische Organisation hoffähig zu machen und ihr sogar im Dialog um den Frieden eine herausragende Rolle zuzuschreiben.

Nun, es kam anders. Aber nicht deshalb, weil die Organisatoren ein Einsehen gehabt hätten. Sondern weil dem Gesundheitsminister der Hamas-Regierung die Einreise nach Deutschland verwehrt wurde. Grund: keine staatlich erlaubte Einreise für Menschen, die einer als terroristisch eingestuften Organisation angehören. Der deutsche Rechtsstaat musste also den schlimmsten Schaden, der von einer kirchlichen Seminarveranstaltung hätte ausgehen können, verhindern.

Doch es geht noch weiter. Die Tagung fand dennoch statt, und die ursprüngliche Absicht der Tagung wurde sogar noch verteidigt. Anstatt noch einmal ganz eindeutig die ins Abseits zu stellen, die sich bis heute dafür aussprechen, den Staat Israel von der Landkarte zu radieren (nämlich die Hamas), wurde das Vorgehen durch die Akademieleitung und leider selbst durch unsere Kirchenleitung verteidigt. Von manchen Seiten wurden die Vorwürfe sogar noch zum Teil umgedreht: Kritiker der Tagung würden den Friedensdialog behindern.

Was sollen wir dazu sagen? Sicher nur dies: Wo offensichtlichst Unfriede salonfähig gemacht wird und eine Menge sachlich denkender Menschen nun genau dies anmahnen, da kann es nur eine logische Konsequenz geben: einlenken, sich entschuldigen, eine andere Richtung einschlagen.

Wir stehen als Christen auf der Seite Israels, ohne politisch alles zu decken, was die israelische Regierung verantwortet. Aber auf gar keinen Fall stehen wir auf der Seite terroristischer Absichten. Auf keinen Fall sind wir dazu da, antisemitischen Hasspolitikern eine Plattform zu geben, ihre abwegigen, skandalösen Ansichten gar noch in einem so genannten „Friedensdialog“ vorstellen zu dürfen und zu sollen. Armes Bad Boll! Arme Kirche!

Ärmlich geht es immer wieder zu – aber wir haben auch reichlich Grund uns zu freuen und uns zu begeistern. Über das, was unsere Kirche reich macht. Auch hierzu noch einige wenige Beispiele:

  • Zu Reichtum kommen wir als Kirche vor allen Dingen durch Gottes Wort und Geist. Durch sein Beschenken, seine geschenkte Zuwendung, seine Gnade, seinen Sohn Jesus Christus: „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus; obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich werdet“ (2. Korinther 8,9).

  • Reich macht uns, dass wir geben können. Dies macht uns seliger als nehmen – und so sind wir besonders dankbar, dass innerhalb unserer Kirche so viel gegeben wird wie in keiner anderen Landeskirche. Ganz besonders froh sind wir dabei über alle Zuwendungen für unsere freien Werke und für den Auftrag unseres Gottes, den Reichtum seiner Güte auch weltweit in Wort und Tat weiterzugeben – für die Weltmission. Dass Menschen Jesus erkennen, das macht sie reich. Und unser Reichtum, bis hin zum Geld, ist hier gut angelegt.

  • Reich macht uns die Vielfalt an Gaben, die sich in der Innovation, der Vielgestalt, dem Engagement und der Leidenschaft in unseren sonntäglichen Gottesdiensten zeigt. Hier sind über die letzten Jahre und Jahrzehnte viele, viele moderne Formen, die zugleich eine große Breite an verschiedenen Generationen ansprechen, entstan-den. Sie werden gepflegt, weiter entwickelt, viele Mitarbeitende beteiligt und auch immer wieder rückgebunden an das Gemeindeleben insgesamt. So entsteht - bei allen (drittrangigen) Fragen um die Anzahl der Gottesdienstfeiernden - landauf, landab eine Gottesdienstbewegung, die in den Gemeinden die Gründung in der Bibel, die Sorgfalt für den Gottesdienstverlauf in den verlässlichen Bahnen einer ansprechenden, würdigen, gestaltungsintensiven Liturgie und das Erproben neuer Formen integriert. Hoffentlich schließen sich noch viele Gemeinden dieser Gottesdienstbewegung an und bedenken vor allem, dass die vertrauensvolle Gründung im Reichtum der Schrift mit entscheidend ist für das Erblühen des Gottesdienstes. Diesen Reichtum lassen Sie uns gutheißen, pflegen, fördern und vor allem immer wieder dafür beten, dass dadurch Menschen zum Glauben kommen und im Glauben wachsen. Es ist kein Zufall, dass die Studie „Wie kommen Erwachsene zum Glauben“ den Wert unserer Gottesdienste, ihren Reichtum, auch für diese Frage sehr, sehr hoch ansetzt.

Fazit: Bei allen Armutszeugnissen, all dies muss uns auf keinen Fall den Blick verstellen für den Reichtum der Gaben unseres Gottes. Loben wir ihn, leben wir sie – und lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir weniger Armutszeugnis abgeben.

Es grüßt Sie ganz herzlich und dankt für alles Interesse und alle Verbundenheit,

Ihr Ralf Albrecht, Dekan

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